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Bauhausbeerdigung

Bauhausbeerdigung
Jesko Fezer, Christian Hiller, Anh-Linh Ngo, Philipp Oswalt, Jan Wenzel

In den 1920er-Jahren sprach man von der Neuen Welt, dem Neuen Menschen, der Neuen Stadt, um vom Fluchtpunkt einer imaginierten Zukunft gegenwartsmächtig zu werden. Heute geht es nicht mehr darum, eine neue Welt zu erfinden. Wir benötigen ein anderes Verständnis als jenes der klassischen Avantgarde von Erneuerung und dem Neuen. Die moderne Industriegesellschaft durchdringt die ganze Lebenswelt. Deshalb ist eine grundsätzliche Kritik oder Radikalisierung der Moderne dringend geboten. Vor diesem Hintergrund zeichnet sich die Perspektive einer Gestaltung als Re-Form der Gegenwart ab. Heute gilt es, den Wandel von einer expansiven zu einer inklusiven Modernisierung zu gestalten. Die Fähigkeit des Kapitalismus, sich zu transformieren und Gegenpositionen zu absorbieren, begünstigt diese Veränderung und setzt ihr zugleich Grenzen. Wir halten den Blick auf das Ganze für unverzichtbar, aber haben den positivistischen Glauben an die Möglichkeit eines umfassenden und vollständigen Verstehens der Welt, an die Einheitswissenschaft, verloren. Nicht auflösbare Widersprüche wie auch eine fundamentale Unvollständigkeit des Wissens und der Erkenntnis erfordern ein Agieren mit Unsicherheiten und Unwissen. Erforderlich ist daher eine kritische Inventur. Welche Ideen, Methoden und Konzepte des historischen Bauhauses können produktiv aufgegriffen und fortgeführt werden, welche sind zu verwerfen? Keineswegs alles, was das Bauhaus hervorgebracht hat, hat sich bewährt. Viele Widersprüche zwischen Anspruch, Praxis und Wirkung sind offenkundig geworden, und zuweilen ist die Intention selbst zu hinterfragen. Die Tendenz, Gestaltung als Werkzeug gesellschaftlicher Emanzipation weiterzuentwickeln und zu propagieren, muss selbst einer Kritik unterzogen werden. Die Expansion der Gestaltung in alle Lebens- und Weltbereiche, von den Landschaften, Straßen und Städten bis hin zu den Arbeitsplätzen, der Wohnung und tiefer hinein in die Personen und ihre Beziehungen, in Nanostrukturen und Genome ist gegenwärtige Realität. Vor dem Hintergrund dieser Ästhetisierungen und Subjektivierungen von Machtstrukturen wäre im allgegenwärtigen Überfluss von Gestaltung möglicherweise deren Abwesenheit ein befreiendes Moment. Die Kritik von Gestaltung ist eine Voraussetzung, ihr emanzipatorisches Potential neu zu denken. Insofern bleibt es unverzichtbar, auch eine kritische Analyse der Geschichte vorzunehmen und die Wechselwirkungen zwischen Gestaltung und Gesellschaft genauer zu untersuchen. Wir streben eine lebendige, kontroverse Debatte um das Bauhaus an.
In einem Akt der Selbstbehauptung hat Mies van der Rohe mit den Meistern und Studierenden das Bauhaus am 20. Juli 1933 in Berlin geschlossen. Dies ist nun über 85 Jahre her. Doch je größer der Abstand zu dem glücklichen historischen Moment des Bauhauses wird, desto größer werden die Erwartung und Sehnsucht an seine Präsenz und Aktualität. Das Bauhaus ist zum Fetisch geworden, zu einem – wie etwa die Debatte des Deutschen Bundestags im Januar 2015 exemplarisch zeigte – allgemeinen Konsensus von rechts bis links, einer Black Box, in der jeder nach Belieben hehre Wertvorstellungen unverbindlich hineinprojiziert. Doch was haben Jahrzehnte der „Aktualisierung“ dieser Idee de facto gebracht? Sind von hier aus die zentralen Impulse der jüngeren Vergangenheit ausgegangen? Wohin führt es, wenn wir jedes historische Erbe für die Gegenwart als Ressource verstehen und verwerten? Ist die Bauhaus-Idee wirklich noch am Leben oder nicht längst zu einem omnipräsenten und überstrapazierten Untoten geworden? In der Konstellation von Vergangenheit und Gegenwart ist es im Bezug auf das Bauhaus im Jahre 2019 wichtiger, den historischen Abstand zu betonen, das Trennende. Aus diesem Grund werden wir nach einer kritischen Inventur der Bauhaus-Ideen aus dem Jubiläumsjahr ein Moment der Aufhebung machen und ein Abschiedsfest in Form einer Beerdigung feiern – beziehungsweise eines „rettenden Requiems“, wie es der Musiker und Theaterregisseur Schorsch Kamerun nennt. Denn es ist an der Zeit, dass wir dem historischen Bauhaus mit einer Beerdigung Respekt zollen und uns von ihm verabschieden, um uns unvoreingenommen den Herausforderungen der Gegenwart zu stellen. Die einzig mögliche Aktualisierung des Bauhauses setzt seine Aufhebung voraus.